




Abendzeitung 11.02.2003
Des Rabbi Wort in Gottes taubes OhrDas Theater Fisch & Plastik spielt "Disputation" in der Lukaskirche![]() Gabriella Lorenz |
Süddeutsche Zeitung 11.02.2003 MachtfrageDas Theater Fisch & Plastik spielt "Disputation" in der KircheSeit nunmehr zehn Jahren entwickelt die Regisseurin Eos Schopohl mit ihrer freien Theatergruppe Fisch & Plastik engagierte, experimentelle Performances an ungewöhnlichen Spielstätten; zuletzt verwandelte sie den Tiefbunker unter dem Hauptbahnhof in Christian Dietrich Grabbes "Gothland". Für die deutsche Erstaufführung des Stücks "Disputation" von Hyam Maccoby über den christlich geprägten Antijudaismus, verortet im spanischen Aragon im 13. Jahrhundert, wählte sie für ihre zehnte Produktion dieser Art jetzt die Lukaskirche am Mariannenplatz am linken Isarufer aus. Ein imposantes Gebäude - wuchtige, über Eck gestellte Türme, eine mächtige Kuppel, selbstbewusste Bildungsarchitektur, ein Stilmix von Neo-Romanik, -Gotik, - Renaissance. In der Luft liegt ein besserwisserischer Predigerton. Schopohl gelingen vor allem durch Licht- und Perspektivänderungen eindrucksvolle Bilder, die an Andrea da Firenzes Fresken erinnern. Die sinnliche Darstellung im Rahmen eines interaktiven Stationendramas bringt den nüchternen Geschichtsstoff nahe an die Zuschauer heran, macht Parallelen zum aktuellen Zeitgeschehen deutlich: Gesänge und Unterredungen unter Spitzbögen, zentriert und zart illuminiert wie im "Triumph des Thomas von Aquin", werfen Fragen auf: Wie steht es um das Verhältnis Vernunft - Offenbarung, Überzeugung - Gewalt, Häresie - Erleuchtung zwischen den drei prophetischen Religionen? König Jakob I. von Aragon, dargestellt von Robert Spitz, spielt am liebsten Kicker mit seinem smarten jüdischen Berater Don Alconstantini, gezeigt von Rainer Haustein. Die "Judenfrage" verkennt er als sportlichen Wettstreit um die Wahrheit allein mit Worten. Naiv, triebbestimmt, blind durch seinen "heidnischen Gerechtigkeitssinn", ist er nur Teil eines weltpolitischen Machtspiels. Denn die Disputation zwischen Rabbi Moses ben Nachman und dem getauften Juden Pablo Christiani wird der "Beginn eines langen Feldzugs" - es folgen Verketzerung, Kreuzzüge, Kirchenspaltung.Eva Maria Fischer |
Münchner Merkur 11.02.2003 Auf der Spur von scharfer Aktualität"Disputation": Theater in der LukaskircheBei Ideen- und Doku-Dramen fährt man ja meist erst mal die Abwehrstacheln aus _ erst recht, wenn ein Professor für Altertumskunde zur Feder gegriffen hat. Vorurteile schmelzen aber schnell weg bei dem Judaisten Hyam Maccoby und seiner "Disputation - Christen gegen Juden" (1988) in der streng-klaren deutschen Erstaufführung von Eos Schopohls Theater Fisch & Plastik. Immer auf der Fährte von Risiko und passendem Spielort, ist es diesmal die Münchner Lukaskirche (Mariannenplatz). Hart auf der Spur auch von brandscharfer Aktualität: im Zuge des Israel-Palästina-Konflikts wieder aufflackernder Antisemitismus - dass ist, Regie-Fingerzeig nicht nötig, der Hintergrund, auf dem man Schopohl versteht. Unter päpstlichem Druck lässt sich der im Grunde den Juden wohlgesinnte Jakob I. von Aragon 1263 überreden zu einem "Streitgespräch" zwischen Rabbi Moses ben Nachman und dem Konvertiten Pablo Christiani. Der Ex-Jude soll das "Bekehr-Geschäft" am besten verstehen. Auf diesen Kern-Dialog bereitet Schopohl mit Kurz-Sequenzen in seitlichen Nischen und rundum auf Emporen bestens vor. Beim Umherwandern und durch schwierige Akustik geht wohl etwas an Konzentration verloren. Eine Guckkastenbühne hätte aber nie die inquisitorische Authentizität dieser karg-düsteren Kirche. Und die Darsteller holen einen sofort wieder in den Text zurück. Robert Spitz, ein zwischen erotischen (Geliebte vs. Gattin) und religiös-politischen Fronten leicht abgelebt-willenloser König, vor allem aber Hubert Bail als präziser, sinnesoffener Anwalt des jüdischen Glaubens, ein Bruder Nathans quasi, und Rainer Haustein, ein besessen Bekehrter, der sich jedoch vor Klischeehaftigkeit hütet. In ihrem Gefecht der Lehr- und Glaubenssätze steht gegen starr-dogmatische Wortgebundenheit der christlichen Religion die lebendige Auseinandersetzung, die Auslegungsfreiheit des Talmud. Der in jüdischer Denk- und Streitkultur geschulte Rabbi siegt haushoch im Argument - in der Realität der Machtverhältnisse muss er außer Landes. . . Ein Abend, echt, ohne jeden Thesen-Haugout.Malve Gradinger |
TZ 10.02.2003 Die Wurzeln des Hasses"Disputation", ein Theaterstück in der Lukaskirche![]() B. Welter |